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Osteopathie und Infektionskrankheiten

Ein Mädchen mit einem Thermometer auf dem Kopf in Behandlung bei Osteopathen Hamburg.
Osteopathie und Infektionskrankheiten

Das neuartige Coronavirus (COVID-19) stellt nicht die erste Pandemie dar, die es von der Weltgemeinschaft zu bewältigen gilt. Zu Beginn des letzten Jahrhunderts trat ebenfalls eine neue Krankheit auf, die sich rasant zu einer globalen Pandemie entwickelte – die spanische Grippe (Influenza). Sie gilt als eine der verheerendsten globalen Gesundheitskrisen und forderte ca. 50 Millionen Menschenleben. Allein in Europa starben 2.300.646 Menschen, größtenteils im Alter zwischen 20 und 40 Jahren. Die Sterblichkeitsrate (im Durschnitt ca. 2,5%) variierte zwischen Gebieten mit einer hohen Bevölkerungsdichte, welche mit größeren Kommunikations- und Transportnetzwerken einhergeht, und abgelegenen, ländlichen, isolierteren Gebieten. Trotz aller Unternehmungen die Ausbreitung der spanischen Grippe zu verhindern, welche die Schließung von öffentlichen Räumen, soziale Distanzierung und den Bau neuer Krankenhäuser umfassten, breitete sich die Pandemie rasant aus. 

Um bei der Eindämmung der Pandemie mitzuwirken, rekrutierte die American School of Osteopathy mit Sitz in Kirksville, Missouri all ihre AbsolventInnen (2.445 OsteopathInnen), um Influenza-PatientInnen zu behandeln. Insgesamt wurden 110.122 Menschen, die an der spanischen Grippe erkrankt waren, mit osteopathischer Manipulationstherapie (OMT) behandelt. Zusätzlich wurden die Gesundheitsdaten in vielen verschiedenen Publikationen erfasst und veröffentlicht.
So konnte nach der Pandemie gezeigt werden, dass PatentInnen, die von osteopathischen Ärzten und Osteopathen behandelt wurden, niedrigere Morbiditäts- und Mortalitätsraten aufwiesen im Vergleich zu Patienten, die mit der damaligen ärztlichen Standardversorgung behandelt wurden. Eine weitere Publikation berichtete ebenfalls über niedrige Raten von Lungenentzündungen bei PatientInnen unter regelmäßiger Betreuung von osteopathischen Ärzten und Ärztinnen während der Zeit der spanischen Epidemie. 

Diese Ergebnisse sind allerdings mit Vorsicht zu genießen, denn die wissenschaftlichen Standards zu der Zeit wiesen Mängel bei der Standardisierung der Forschungsmethoden und -kriterien auf. Nichtsdestotrotz wiesen Hruby und Hoffman berechtigterweise darauf hin, dass die Anwendung von OMT durch osteopathisch-tätigen Personen wahrscheinlich mit den hohen Erfolgsraten der Osteopathie bei der spanischen Grippe zusammenhängen und dass OMT sicherlich eine wichtige Rolle bei der Genesung spielte. 

Nun, mehr als ein Jahrhundert später, steht die Welt erneut vor einer großen Herausforderung – die Bekämpfung von COVID-19. Heute stehen uns neue Mittel, wie genomische Sequenzierung, antivirale Mittel, Tests und Impfungen zur Verfügung und dennoch sind wir auf bewährte Eindämmungsansätze (Quarantäne, strenge Hygienestandards und soziale Distanzierung) angewiesen.

Das Ziel einer kürzlich erschienen, historischen Literaturübersicht war es, zu untersuchen, welche OMT-Techniken den betroffenen Patienten während der Spanischen Grippe-Pandemie 1918 verabreicht wurden, um heutigen OsteopathInnen eine Reihe an Techniken an die Hand zu geben. Die Ergebnisse sollen im Folgenden erörtert werden.

leo.

Osteopathische Prinzipien und Ansätze

Die osteopathische Behandlung stellt immer den Patient oder die Patientin in den Mittelpunkt und nicht die Krankheit. Dieses Prinzip gilt heute wie damals. Das Hauptziel der OsteopathInnen zu Zeiten der spanischen Grippe war, die weitere Ausbreitung der Influenza im Körper zu verhindern, indem sie das Gesundheitspotenzial der PatientInnen zu maximieren versuchten. OMT wurde zur Verbesserung der allgemeinen physiologischen Funktionen verabreicht und umfasste dabei die Lösung muskulärer Blockaden und die Korrektur knöcherner Läsionen. Weiterhin kamen Behandlungen zum Einsatz, die das Atmungs-, Kreislauf- und Lymphsystem unterstützen sowie solche, die das autonome Nervensystem, das endokrine und das metabolische System beeinflussen. 

Tabelle 1 listet die angewendeten Techniken im Muskel-Skelett-System während der spanischen Grippe auf. Die verschiedenen Ansätze zielten darauf ab, den thorakalen Inlet zu lösen (myofasziales Release), den Kopf (Frontal- und Oberkieferlifting) und die Nackenregion zu adressieren (Weichteiltechniken) und Verspannungen im Thoraxbereich zu lösen (pektorale Traktion und Rippenhebetechnik, Zwerchfelldoming sowie Muskelenergietechniken).

Tabelle 1: Osteopathische Ansätze für muskuloskelettale Regionen

Osteopathische Ansätze für muskuloskelettale Regionen

Region

Eingesetzte Technik

Kopf

Winkel des suboccipitalen Unterkiefers 

Tiefe Inhibition

Muskeln der vorderen HWS

Entspannung

Hintere, zervikale Bereiche

Deep pressure

Rücken und Thorax

Rücken

Deep pressure

Brust

Manipulation

Obere Rippen

Manipulation

Untere Rippen

Mobilisierung

LWS

LWS

Deep pressure; Extension

Spinalmuskeln

Weichteilentspannung

Untere Extremität

Beine

Hemmung in der Poplitealregion

N. ischiadicus

Technik der progressiven Hemmung der neuromuskulären Strukturen

In Tabelle 2 finden Sie die systemischen Ansätze, welche eingesetz wurden, um koordinierte Körperfunktionen (d. h. Atmung, Kreislauf, Lymphe, Neurologie, Stoffwechsel und Verhalten) zu verbessern und zu maximieren. Weiterhin wurde eine Reihe von lymphatischen Ansätzen verwendet (z. B. die thorakale, hepatische, Milz-, abdominale und pedale Lymphpumpe sowie die mandibuläre Drainage).

Tabelle 2: Osteopathische systemische Ansätze

Osteopathische systemische Ansätze

System

Technik

Atmung

Lungenvibration

Neurologisches System

Hemmung des zervikalen und dorsalen Bereichs; Solarplexus; vegetative Drüse

Metabolisches System

Hebung der Nieren; Hebung des Gastroitestinaltrakts

Immunsystem

Lymphatische Ansätze

Neuere Forschung mit hohen methodischen und wissenschaftlichen Standards hat die Wirksamkeit von OMT Zusatzbehandlung für hospitalisierte PatientInnen mit Lungenentzündung untersucht und beeindruckende Ergebnisse hervorgebracht. So wurde eine signifikante Verringerung der Aufenthaltsdauer im Krankenhaus (sowohl bei Erwachsenen als auch bei älteren Menschen) sowie der Dauer der intravenösen Antibiotika beobachtet. Außerdem kam es seltener zu Atemversagen oder Tod. 

 

Trotz dieser ersten Erkenntnisse ist noch viel Forschung notwendig, bis eine Empfehlung für OMT als Behandlungsansatz während einer Grippe-Epidemie empfohlen werden kann!

Die vorgestellten Techniken, die während der spanischen Influenza-Pandemie eingesetzt wurden, sind aufgrund mangelnder methodischer Standards nicht uneingeschränkt auf die jetzige Situation anwendbar. Allerdings stellen sie ein Sprungbrett für neue, evidenzbasierte Studien dar und sollten für eine Wirksamkeitsüberprüfung von OMT bei Atemwegsinfektionen genutzt werden (Baroni et al. 2021).



Literatur

Baroni F, Mancini D, Tuscano SC, et al. Osteopathic manipulative treatment and the Spanish flu: a historical literature review. J Osteopath Med. 2021;121(2):181-190

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