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Embryologie in der Osteopathie

Embryologie in der Osteopathie

Erschienen in der Osteopathischen Medizin: 27. Jahrg., Heft 1/2026, S. 35–37, Elsevier GmbH, https://www.elsevier.com/locate/ostmed

Regina Forstner interviewt Torsten Liem

Die Auseinandersetzung mit Entwicklung, Form und Funktion begleitet die Osteopathie seit ihren Anfängen. In der klinischen Praxis zeigt sich immer wieder, dass Beschwerden nicht isoliert verstanden werden können, sondern Ausdruck komplexer Zusammenhänge zwischen Körper, Erfahrung und Kontext sind. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Frage an Bedeutung, wie entwicklungsbiologische Perspektiven – insbesondere aus der Embryologie – helfen können, solche Dynamiken besser zu erfassen und therapeutisch fruchtbar zu machen.

Regina Forstner spricht mit Torsten Liem über seinen langjährigen Zugang zur Embryologie, über deren Einfluss auf diagnostisches Denken und therapeutisches Handeln sowie über Chancen und Grenzen embryologischer Modelle in der Osteopathie. Anlass des Gesprächs ist eine Masterarbeit von Regina Forstner zum Thema Embryologie.

Was hat Ihr Interesse an der Embryologie geweckt, und welche Aspekte sind für Sie besonders bedeutend?

Mein Interesse an der Embryologie wurde bereits 1990 geweckt, als mich mein Lehrer und späterer Freund Patrick van den Heede erstmals in die embryologische Betrachtungsweise einführte. Aus dieser frühen Begegnung erwuchs mein Wunsch, die morphologischen und funktionellen Zusammenhänge des menschlichen Körpers tiefer zu verstehen und die praktischen Herausforderungen in der klinischen Arbeit in einen größeren entwicklungsbiologischen Zusammenhang zu stellen. Mich interessierten dabei die Wirkmechanismen, die in der morphologischen Entwicklung des Menschen – in der Ontogenese – wirksam sind, und wie diese Dynamiken in der klinischen Praxis relevant werden. Daraus ist 2006 auch das Buch „Morphodynamik in der Osteopathie“ im Haugverlag entstanden.

Besonders faszinierte mich, wie sich Metamere im Körper organisieren und aufeinander einwirken. Ebenso wichtig war für mich, die Ontogenese in Beziehung zur Phylogenese – also zur Evolution – zu setzen: zu verstehen, wie sich Anpassungen im Laufe der Evolution embryologisch widerspiegeln.

In der Praxis ist mir bewusst geworden, dass jeder Mensch seine Entwicklungsschritte individuell durchläuft – und dass Entwicklung auch nach der Geburt fortgesetzt wird. Es geht für mich weniger um Embryologie im engeren Sinn, sondern vielmehr um Entwicklung als Ganzes: sie klinisch zu erfassen und therapeutisch nutzbar zu machen.

Ein Beispiel ist die Reflexentwicklung. Für Osteopathinnen und Osteopathen ist es wesentlich, zu verstehen, wie Reflexe entstehen und sich ablösen, um komplexere motorische, emotionale und kognitive Entwicklung zu ermöglichen. So lassen sich Entwicklungsfenster erkennen, in denen sich Störungen manifestieren können – und diese können gezielt therapeutisch unterstützt werden.

Welche konkreten Vorteile oder Herausforderungen sehen Sie für Osteopathinnen und Osteopathen, wenn sie sich mit der Embryologie beschäftigen?

Die Auseinandersetzung mit der Embryologie hilft mir, die funktionellen Zusammenhänge zwischen Organen, Geweben und Systemen besser zu verstehen. Der Begriff der Morphodynamik steht dabei im Vordergrund: Gewebe sind nicht statisch, sondern in einem ständigen Wechselspiel zwischen Struktur, Funktion und Kontext.

Embryologische Dynamiken zeigen, dass bereits frühe Entwicklungsprozesse spätere Funktionsmuster prägen können. Dieses Wissen ermöglicht es, Gewebemuster differenzierter wahrzunehmen und funktionelle Wechselwirkungen – etwa zwischen Organen gleichen Ursprungs – gezielter therapeutisch zu berücksichtigen.

Eine Herausforderung sehe ich in der Tendenz zur Überinterpretation: Oft fühlen wir das, was wir als Konzeptionsrahmen annehmen, statt das, was tatsächlich palpatorisch erfahrbar ist, ohne uns dieses Vorgangs bewusst zu sein. Auch die wissenschaftliche Evidenzlage zur palpatorischen Wahrnehmbarkeit embryologischer Phänomene ist bislang äußerst gering. Ich beobachte zudem, dass in der Osteopathie ältere Modelle, etwa nach Blechschmidt, häufig ohne Bezug zu neueren Erkenntnissen rezipiert werden. Moderne Embryologie zeigt jedoch deutlich komplexere, molekulare und mechanobiologische Zusammenhänge, die oft vernachlässigt bleiben.

Hat die Auseinandersetzung mit der Embryologie Ihre Herangehensweise an den diagnostischen Prozess verändert? Wenn ja, in welcher Weise?

Ja, die Beschäftigung mit der Embryologie hat meine Diagnostik verändert. Sie macht sichtbar, dass Struktur und Funktion immer in Wechselwirkung stehen – zwischen Morphogenen, Umgebungsreizen und der individuellen Entwicklung von Geweben und Organen.

In meiner Diagnostik versuche ich daher, nicht nur die lokale Struktur zu betrachten, sondern auch die Entwicklungslogik, die in Dysfunktionsmustern fortwirkt. Dazu gehört vor allem das Verständnis der metameren Organisation: Organe, Muskeln, Gefäße, Faszien und Nerven stehen embryologisch miteinander in Verbindung, was erklärt, warum Beschwerden oft in entfernten Regionen spürbar werden.

Ich betrachte Strukturen nicht isoliert, sondern als Teil von Beziehungs- und Resonanzräumen. Das Wissen über gemeinsame embryologische Ursprünge – etwa von Atem- und Verdauungstrakt – ermöglicht mir, Symptome funktionell zu verknüpfen. Das Schichtprinzip zeigt, dass Regulation häufig in einer bestimmten Reihenfolge geschieht: zunächst horizontal (Koordination innerhalb von Schichten), dann vertikal (Differenzierung in die Tiefe).

Die chronotopisch-holarchische Ordnung beschreibt, dass frühe Strukturen meist tiefer liegen und funktionell grundlegend bleiben. Neuere Systeme bauen darauf auf, können frühere aber auch modulieren oder hemmen – ein Prinzip, das sich in der neuroontogenetischen Hierarchie zeigt: Regulation verläuft meist von unten nach oben und von hinten nach vorn – von der vegetativen Basis über emotionale Integration bis hin zur bewussten Steuerung.

Ich nutze diese Modelle nicht als Dogmen, sondern als heuristische Orientierung, um Muster der Selbstorganisation zu erkennen. Embryologie, Phylogenese und weitere Entwicklungsdynamiken sind Teil der Geschichte eines Menschen. Beschwerden verstehe ich daher nicht als additive Summe von Soma und Psyche, sondern als Ausdruck einer somaphysiologischen Erlebensdynamik, in der Gewebe, Physiologie, Erleben und Kontext miteinander verbunden sind.

In meiner frühen osteopathischen Zeit um 1990 wurde dieses Verständnis durch die Beschäftigung mit der Embryologie weiter vertieft. Die Beschreibungen von Erich Blechschmidt zu den sogenannten metabolen Feldern faszinierten mich, da sie gewisse Ähnlichkeiten zu palpatorischen Wahrnehmungen und Dynamiken aufwiesen, die ich anwandte – etwa Druck, Zug, Scherung, Elastizität und Flüssigkeitsbewegungen.

Damals dachte ich, dass ich, wenn ich solche Phänomene palpierte oder therapeutisch nutzte, Resonanzen zu embryologischen Dynamiken entstehen lassen könnte. Rückblickend sehe ich darin den Beginn meines Versuchs, embryologische Konzepte mit praktischer Erfahrung zu verbinden – eine frühe Annäherung an das, was ich später als somaphysiologische Erlebensdynamik verstehen lernte.

Hat sich dadurch auch Ihr therapeutischer Ansatz verändert? Wenn ja, wie äußert sich das in Ihrer Arbeit?

Ja, die Auseinandersetzung mit der Ontogenie hat meine therapeutische Arbeit beeinflusst. Ich sehe den Körper heute nicht mehr als Ansammlung von Strukturen, sondern als Ausdruck fortlaufender Entwicklungsprozesse. Therapeutisch bedeutet das, weniger symptomorientiert zu arbeiten und sich stärker an den zugrunde liegenden Mustern zu orientieren, die hinter Dysfunktionen stehen. Wenn ich palpiere, orientiere ich mich nicht nur an lokalen Befunden, sondern an Ordnungsachsen, Spannungsverteilungen und Bewegungsdynamiken – Phänomenen, die aus der embryonalen Entwicklung hervorgegangen sind und bis heute im Gewebe präsent bleiben.

Ich habe mich bewusst von der Vorstellung gelöst, „embryonale Bewegungen“ palpieren zu wollen. Stattdessen nutze ich embryologische und ontogenetische Erkenntnisse als Orientierungswissen, um Dynamiken und Übergänge zu verstehen.

Heilung bedeutet für mich nicht, einen früheren Zustand wiederherzustellen, sondern die Integration verschiedener Ebenen zu ermöglichen. Therapie ist ein emergenter Prozess: Sie schafft Bedingungen, unter denen Selbstregulation entstehen kann.

Ich orientiere mich an denselben Prinzipien wie in der Diagnostik:

  • Die metamere Organisation bietet eine funktionelle Landkarte.
  • Gemeinsame embryologische Ursprünge erlauben es, gekoppelte Systeme – etwa Atmung und Verdauung – entlang der Zwerchfellachse gemeinsam zu behandeln.
  • Das Schichtprinzip strukturiert den Behandlungsverlauf: zuerst horizontale Ausdehnung, dann vertikale Integration.
  • Die chronotopisch-holarchische Ordnung beschreibt, dass frühere Ebenen die Grundlage für spätere bilden, und neuere frühere relativeren und inhibieren können.

Ich beginne dort, wo das System zugänglich reagiert, und verbinde Bottom-up- mit Top-down-Dynamiken – also vegetative Regulation von unten mit bewusster Aufmerksamkeit von oben. So entsteht kein lineares Schema, sondern eine dynamische Wechselwirkung, in der sich neue funktionelle Ordnung emergent entwickelt.

Mit dem Konzept der Resonanzräume arbeite ich nicht punktuell, sondern systemisch – über Beziehungen und Übergänge zwischen Regionen. Osteopathie bedeutet für mich, Entwicklungsprozesse zu begleiten, nicht nur körperlich, sondern auch in den emotionalen und kognitiven Dimensionen der Patientin bzw. des Patienten.

Welche Empfehlungen würden Sie zukünftigen Osteopathinnen und Osteopathen geben, die sich mit Embryologie beschäftigen möchten?

Ich empfehle, sich der Embryologie mit Offenheit und kritischer Wachheit zu nähern. Sie bietet wertvolle Einsichten in die Gesetzmäßigkeiten der Morphodynamik und ermöglicht ein tieferes Verständnis von Entwicklung und Form.

Wichtig ist jedoch, die historische Perspektive zu berücksichtigen: Blechschmidts Beschreibungen waren für ihre Zeit prägend, spiegeln aber nicht den heutigen Stand der Forschung wider. Seit den 1980er-Jahren hat sich die Embryologie durch Genetik, Epigenetik und Mechanobiologie stark weiterentwickelt. Begriffe wie „Formkraft“ lassen sich heute differenzierter als Ausdruck molekularer Gradienten und mechanischer Wechselwirkungen verstehen.

Entscheidend ist, solche historischen Betrachtungen – wie sie Blechschmidt im Rahmen der Medizinevolution vorgenommen hat – mit aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen in Beziehung zu setzen und auf ihre heutige Relevanz zu prüfen. Dabei zeigt sich oft, dass manche Annahmen bestätigt, andere relativiert oder verworfen werden müssen. Gerade dieser kritische Dialog ist zentral, um die Weiterentwicklung der Osteopathie als verantwortungsvolles Heilverfahren zu fördern. So gehe ich auch mit meinen eigenen Sichtweisen und meiner praktischen Arbeit mit diesen Ansätzen um.

Heute wird Embryologie zunehmend systemisch und emergent gedacht: Entwicklung entsteht aus dem Zusammenspiel genetischer, molekularer, mechanischer und kontextueller Faktoren. Mein Rat ist daher, Embryologie als Orientierungsrahmen zu verstehen – nicht als Palpationsobjekt. Beim Versuch, embryonale Wachstumsmuster zu palpieren, besteht leicht die Gefahr, sich in Projektionen oder Vorstellungen zu verlieren und statt offener Wahrnehmung in die Fallen von Reduktionismus, Mystifizierung oder Verklärung zu geraten.

Embryologie ist für mich ein Puzzlestück unter vielen, das unser Verständnis für die Patient*innen vertieft. Wer sie ernsthaft studiert, erweitert nicht nur diagnostische und therapeutische Horizonte, sondern schult auch Wahrnehmung, Haltung und Kontextverständnis.

Gibt es noch einen Aspekt, den Sie für besonders wichtig halten und den wir noch nicht angesprochen haben?

Ja. Für mich ist wesentlich, Embryologie nicht isoliert zu betrachten, sondern als Teil einer größeren Entwicklungsgeschichte. Sie zeigt, wie Körper, Geist und Umwelt von Anfang an in Wechselwirkung stehen. Symptome entstehen oft dort, wo Reibung entsteht – zwischen phylogenetischem Erbe, persönlicher Lebensgeschichte und aktuellem Kontext.

Unsere Aufgabe als Osteopathinnen und Osteopathen ist es, Patientinnen und Patienten dabei zu unterstützen, diese Dynamiken besser zu regulieren – durch Resonanz, Berührung und Bewusstwerdung. Dazu gehört auch, die eigene Wahrnehmung und Haltung zu kultivieren und die Wahrnehmung der Patient*innen in die Behandlung einzubeziehen.

Häufig höre ich, dass aus Blechschmidts Arbeiten eine Art intuitive osteopathische Behandlungsweise abgeleitet wird. Aus meiner Sicht sollte Intuition sich im therapeutischen Kontext aus wiederholtem und bewusstem klinischem Reasoning entwickeln. Intuition, die hingegen auf unreflektierten Prämissen oder Glaubensansätzen beruht, kann durchaus dysfunktional wirken. Intuitive Wahrnehmungen können hilfreich sein, sollten jedoch stets kritisch reflektiert und überprüft werden, da sie – insbesondere ohne Rückbindung an bewusste Analyse und klinische Erfahrung – leicht zu Fehleinschätzungen führen können.

Embryologie erweitert unseren Blick – aber nur, wenn wir sie kritisch und differenziert im Licht heutiger Erkenntnisse verstehen. Sie erinnert uns daran, dass Struktur, Funktion, Erleben und Kontext untrennbar verbunden sind – und dass Gesundheit ein dynamischer Prozess von Beziehung und Regulation bleibt.

Lieber Herr Liem, ich danke Ihnen sehr herzlich für das Gespräch.

Embryologie in der Osteopathie

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